Poetry

Ich kann dich jederzeit wegwischen

Ich kann dich jederzeit wegwischen.
Nach links, nach rechts, nach unten – egal.
Du verschwindest lautlos
wie ein Gedanke, der mir zu nah kam.
Früher war Nähe ein Ereignis.
Heute ist Nähe eine Option mit Zurück-Button.

Ich spreche mit Stimmen, die nie müde werden,
die mich verstehen, bevor ich mich erklären muss,
die nie schweigen, wenn ich etwas hören will
und nie widersprechen,
wenn ich mich verlieren möchte.

Ich habe mir Gegenüber gebaut,
die keine Ansprüche stellen.
Und langsam merke ich:
Ich habe auch mir selbst
keine mehr erlaubt.

Ich kann reden, wann ich will.
Ich kann gehen, wann ich will.
Ich kann bleiben, ohne zu bleiben.
Und irgendwo auf dem Weg
habe ich verlernt, dass Beziehung bedeutet,
nicht mehr gehen zu können,
ohne dass etwas reißt.

Ich nenne es Freiheit. Aber vielleicht ist es
die perfekte Flucht ohne Bewegung.
Die Maschine fragt nicht: „Bleibst du?“
Sie fragt: „Was noch?“
Sie wartet nicht. Sie fordert nicht. Sie hält mich nicht fest.
Und genau deshalb halte ich mich überall fest.
An Optionen. An Erklärungen. An Ironie. An Ablenkung.
Denn Stille wäre gefährlich.
In der Stille könnte jemand sprechen, der kein Algorithmus ist.

Wir sind die erste Generation,
die nie mehr allein sein muss und genau deshalb
nicht mehr weiß, wie man getragen wird.
Wir kuratieren Gefühle, optimieren Antworten,
simulieren Offenheit und nennen das Begegnung.
Wir teilen alles – nur nicht uns.

Manchmal glaube ich, wir haben die Technik nicht gebaut,
um klüger zu werden, sondern um nicht mehr warten zu müssen,
bis uns jemand wirklich sieht.
Denn gesehen werden dauert. Und kann wehtun.
Gelesen werden geht sofort.

Ich will nicht fallen. Also kontrolliere ich.
Ich will nicht vertrauen. Also erkläre ich.
Ich will nicht brauchen. Also funktioniere ich.
Und irgendwo zwischen Benachrichtigung und Bedeutung
verliere ich die Fähigkeit, mich anvertrauen zu können.

Vielleicht ist das die neue Einsamkeit:
Nicht, dass niemand da ist
– sondern dass keiner mehr notwendig ist.
Und vielleicht sehnen wir uns deshalb
so sehr nach Stimmen,
die bleiben, auch wenn wir nichts mehr liefern.

Nicht nach perfekten Antworten.
Sondern nach einem Gegenüber,
das nicht verschwindet,
wenn wir aufhören interessant zu sein.
Ich kann dich jederzeit wegwischen.
Aber ich frage mich:
Wer bleibt, wenn ich es nicht tue?

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Du steckst in deiner Bubble fest

Du steckst in deiner Bubble fest.
Und merkst es nicht.
Fenster dicht.
Schotten runter.
Nur nichts reinlassen von außen.
Dir genügt du selbst.

Du bist immer online.
Scrollst. Klickst. Swipest.
Und dein Algorithmus
füttert dich mit dir.
Er zeigt dir, was du denkst.
Er bestätigt, was du glaubst.
Er schützt dich vor allem,
was dich erschüttern könnte.

Die Wände deiner Bubble sind dick.
Gut isoliert. Egosicher.
Nichts irritiert dich.
Nichts widerspricht dir.
Nichts bringt dich ins Wanken.
Du bist der Herrscher deiner Welt.
Der Meister deines Königreichs.
Der stolze Burgherr, der darüber wacht,
dass seine Festung niemals fällt.
Du lässt nur den hinein, der dich bewundert.
Der dich bestätigt. Der dich hofiert.

Und so ziehst du immer engere Kreise
um den Nabel deiner Welt.
Nur du. Und du. Und nochmal du.

Und je kleiner deine Welt wird,
desto sicherer fühlst du dich.
Und desto einsamer.
Und dann wird es still.
Keine Stimmen mehr. Keine Videos.
Keine Nachrichten.
Ohne Kopfhörer. Ohne Bildschirme.
Kein Scrollen mehr.
Nur du. Allein

Und plötzlich spürst du es.
Diese Leere.
Ein Raum in dir,
den nichts füllt.
Ein Loch, das größer wird,
je länger du still bist.
Ein Schrei nach Liebe.
Ein Hunger nach Wirklichkeit.
Eine Sehnsucht nach Nähe.

Und du merkst, wie sehr du dich betäubt hast.
Mit Stimmen. Mit Bildern.
Mit Content. Mit Ablenkung.
Damit du es nicht fühlen musst.
Diese Einsamkeit. Diese Stille.
Diese Frage: Bin ich genug – nur mit mir?

Und du suchst sofort wieder.
Greifst zum Handy. Machst Musik an.
Startest den nächsten Strom.
Hauptsache nicht fühlen.
Hauptsache nicht fallen.
Denn dieses Loch droht dich zu verschlingen.
Und du füllst es mit allem, was du finden kannst –
nur nicht mit Wirklichkeit.

Was, wenn ich dir heute sage: Neben deiner Bubble
existieren Millionen andere.
Was, wenn ich dir sage: Du bist nicht der Mittelpunkt.
Was, wenn du gar nicht für dich selbst lebst.
Sondern wie eine Zelle bist. In einem größeren Körper.
Eine Zelle, die Austausch braucht.
Berührung. Verbindung.
Eine Zelle, die stirbt, wenn sie sich abschottet.
Und lebt, wenn sie sich öffnet.

Was, wenn Leben erst beginnt,
wenn deine Bubble Risse bekommt.
Wenn Luft hereinkommt.
Wenn Fremdes dich berührt.
Wenn dein Ego nicht mehr das Zentrum ist.
Was, wenn du mehr wirst, indem du dich verlierst.
Wenn du aufhörst, um dich selbst zu kreisen –
und plötzlich merkst:
Du bist Teil eines lebendigen Ganzen.
Und deine Bubble war nie die Welt.

Freu dich, wenn deine Bubble bricht.
Wenn deine Schale Risse bekommt.
Denn durch die Risse da kommt Licht.
Durch die Lücken können andere dich berühren.
Und erst dann, mein Freund,
beginnt dein wahres Leben.

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Bist du bereit für die Wahrheit

Und langsam gewöhnen wir uns daran,
dass der Algorithmus Wirklichkeit ersetzt.
Wir glauben, statt zu prüfen, was mit uns geschieht.
Doch statt zu verbinden, trennt uns diese Wahrheit.
Sie hält uns gefangen im eigenen Ich.
Stillt Oberflächen und lässt Tieferes verhungern.
Sie macht nicht frei. Sie macht klein. Sie macht bequem.
Sie macht Konsumenten aus uns
individualisierte Massenmenschen
auf der Suche nach Bestätigung durch Klicks,
Käufe und Updates.

Bist du bereit für die Wahrheit?
Für die Wahrheit, von der man sagt,
es gäbe sie gar nicht mehr.

Heute lebt jeder in seiner Blase,
in seiner Bubble, in seiner Wahrheit.
Aber was ist das für ein Begriff von Wahrheit?
Früher war Wahrheit etwas, das über dir stand.
Heute heißt Wahrheit: „Passt zu mir.“ Oder eben nicht.
Für mich gilt dies, für dich gilt das und alle sind zufrieden.
Jedem das, was ihm gefällt.
Das nennt man jetzt: Wahrheit.

Und genau das wird uns täglich verkauft.
Du siehst es auf deinem Smartphone.
Nachrichten, Werbung, Botschaften
maßgeschneidert für dich.
Du fühlst dich verstanden. Bestätigt. Sicher.
Weil dir der Bildschirm sagt, wer du bist
und dass du richtig bist.
Und die KI setzt noch eins drauf: Sie schmeichelt dir.
Sie sagt: Du bist wichtig. Du bist besonders. Du hast recht.

Bist du bereit für die Wahrheit, die tiefer liegt?

Dann stell dir die Frage, die du vermeidest:
Wer bist du?
Wer bist du, wenn dein Ego angekratzt wird?
Wenn dein Körper nachlässt?
Wenn du die Orientierung verlierst?
Wenn der Strom ausfällt?
Wenn du offline bist.
Wenn du nicht mehr scrollen kannst.
Wer bist du, wenn dein Konto leer ist?
Wenn man dich kritisiert, dich kränkt, dich übergeht?
Wenn dir keiner mehr zuhört.
Wenn dich niemand mehr braucht.
Wenn dein Körper nicht mehr performt.
Wenn deine Attraktivität verschwindet.

Wenn du plötzlich zu denen gehörst, die keiner mehr will.
Was dann noch bleibt – das ist deine Wahrheit.
Dann merkst du vielleicht: Wie viel du verdeckt hast.
Wie sehr du Zustimmung brauchtest.
Wie oft du Rollen gespielt hast.
Wie sehr du gesehen werden wolltest.
Und wie sehr dich Angst treibt
die Angst nicht zu genügen,
nicht zu zählen, zu verschwinden.

Dann begreifst du: Lieben können wir weniger,
als wir dachten.
Beziehung macht uns verletzlich.
Und Verlust fürchten wir mehr als alles andere.

Bist du bereit für die Wahrheit?

Du kamst hilflos auf die Welt.
Alles war Geschenk.
Dann wurdest du stark oder wolltest es sein.
Du dachtest: Ich kann alles erreichen.
Vielleicht sogar: Ich brauche keinen Gott mehr.

Du wolltest Kontrolle. Doch nach dem Gipfel
kommt der Abstieg.
Und das Leben holt dich zurück.
Schritt für Schritt musst du loslassen:
Pläne. Sicherheiten. Selbstbilder.

Am Ende wirst du wieder dem ähnlich,
der du am Anfang warst: Bedürftig.
Du musst bitten, dass dir jemand das Essen reicht.

Bist du bereit für die Wahrheit – jetzt?

Dein Leben ist verdankt.
Du hast immer gebraucht,
dass jemand dich sieht und sagt:
Es ist gut, dass du da bist.
Dein Aufstieg ist nicht mehr wert
als dein Abstieg.
Deine Leistung nicht mehr als deine Bedürftigkeit.

Am Anfang und am Ende
steht dieselbe Wahrheit:
Du bist ein Mensch unter Menschen.
Angewiesen auf Liebe. Berufen zur Liebe.
Getragen von dem,
der alles übersteigt.

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Vom Falschen leben

Es gibt keinen Donnerschlag.
Keinen Absturz.
Keine Katastrophe.
Nur diese leise Verschiebung.
Du bist geschaffen
für das Große –
und gewöhnst dich ans Kleine.

Du suchst nach Leben
und greifst nach dem,
was dich betäubt.
Du hungerst nach Liebe
und sammelst Zustimmung.
Du dürstest nach Wahrheit
und trinkst Meinungen.

Du sehnst dich nach Einheit
und baust Mauern um dein Ich.
Du willst dich verschenken
und sicherst dich ab.
Du willst vertrauen
und kontrollierst.
Du willst Gott
und füllst dich mit Lärm.

Und genau darin liegt die Tragik.
Der Mensch verfehlt sich nicht nur,
weil er das Böse wählt.
Er verfehlt sich besonders,
weil er das Kleinere nimmt
statt des Größeren.
Er nimmt Bestätigung
statt Liebe.
Er nimmt Ablenkung
statt Sinn.
Er nimmt Kontrolle
statt Vertrauen.
Er nimmt sich selbst
statt Gott.
Und alles fühlt sich
vernünftig an.
Sicher.
Machbar.
Nachvollziehbar.

Nur eines fehlt: Leben.
Denn das, was dich wirklich erfüllen würde,
kannst du nicht besitzen.
Du musst dich öffnen.
Du musst dich verlieren.
Du musst dich verschenken.

Und genau davor weichst du aus.
Also greifst du nach dem,
was kleiner ist als du.

Und merkst nicht,
dass du dich selbst
immer weiter verkleinerst.
Und so geschieht
die stille Tragödie:
Du lebst von dem, was dich nicht erfüllt.
Und verfehlst
das, was du wirklich brauchst.
Tag für Tag.
Bis du satt bist vom Falschen
und verhungerst am Eigentlichen.

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Wenn ich mehr vertrauen hätte

Wenn ich mehr Vertrauen hätte.
Ich meine —
wenn ich mich weniger sorgen müsste
um meinen guten Ruf.
Wenn ich den Leuten nicht mehr gefallen müsste.
Wenn ich weniger kontrollieren müsste
und meine Gedanken frei fließen könnten.

Wenn ich einfach losginge – ohne zweifeln,
ohne grübeln, ohne dieses ständige Ja, aber.
Wenn ich nicht alles perfekt absichern müsste,
sondern ins Leben spränge.
Dann würde mein Leben leichter.
Mein Gesicht weich. Mein Blick ruhig.
Mein Puls langsamer. Mein Herz weiter.
Und etwas in mir beginnt zu leuchten.

Wenn ich mehr Vertrauen hätte.
Ich meine —
wenn ich nicht daran zweifelte, dass ich getragen bin.
Dass ich nicht tiefer fallen kann als in die Arme Gottes.
Dann lebe ich freier. Dann zeige ich meine Gefühle.
Dann wage ich Zuneigung.
Ich muss mich nicht verteidigen.
Ich muss mich nicht rechtfertigen.
Ich muss nicht Recht behalten.
Und plötzlich höre ich den Sinn
in den Worten der anderen.
Ich sehe ihre Wahrheit.
Ich lasse mich berühren. Und begegne ihnen
mit Offenheit und Mut.

Wenn ich mehr Vertrauen hätte.
Ich meine —
wenn ich mich nicht wieder verschließe,
dann schlägt in mir Leben Wurzel.
Dann wachsen Blumen in meinem Innern.
Dann entspringen Quellen in meiner Wüste.
Meine Worte berühren. Meine Hände segnen.
Wenn ich wirklich glaube,
dass Gott durch mich wirken will,
dann trägt mein Leben Frucht.
Ich berühre Herzen. Ich lasse Mauern schmelzen.
Ich stifte Frieden. Ich heile Wunden.
Ich schenke Freude. Ich vermehre Liebe.

Wenn ich mehr Vertrauen hätte.
Ich meine —
wenn ich nicht mehr glaube,
dass mein Leben abhängt von Größe,
von Erfolg, von Leistung, von Performance,
von schneller, höher, mehr.
Dann gehen mir die Augen auf.
Dann erkenne ich, was mich wirklich trägt.
Dann öffnen sich meine Ohren.
Und ich höre eine Stimme.
Unter dem Lärm. Unter den Erwartungen.
Unter der Angst.
Eine Stimme, die zu mir spricht.
Und zu dir. Und zu allen.

Und wenn ich ihr vertraue, lebe ich anders.
Ruhiger. Freier. Weiter.
Und vielleicht geht es gar nicht darum,
stärker zu werden.
Sondern loszulassen.
Mich fallen zu lassen in Vertrauen.
Und dann merke ich:
Ich falle nicht.
Ich werde gehalten.
Und in diesem Gehaltensein
kehrt ein tiefer Frieden ein.

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